In Hunting Down Comics #147 geht es diesmal tatsächlich ziemlich schnell um Comics – jedenfalls nach einem standesgemäßen kleinen Umweg. Helge zeigt neue großformatige Originalbilder für seine geplante Ausstellung in Dänemark, und Daniel und Helge landen bei der Frage, warum gerade kleine Fehler und Unperfektheiten Kunst interessant machen können. Von dort ist der Weg zur KI natürlich nicht weit. Passend dazu empfiehlt Daniel Atlas of AI von Kate Crawford, auf Deutsch als Atlas der KI erschienen. Ihn faszinieren besonders die ökologischen und gesellschaftlichen Kosten künstlicher Intelligenz sowie die Frage, wo Bias und Trainingsmaterial eigentlich herkommen.
Dann wird es blutig: Daniel hat den Piloten von City of Blood gesehen und parallel in Berlinoir von Reinhard Kleist und Tobias O. Meißner gelesen. Beide teilen die Grundidee eines von Vampiren geprägten Berlins, erzählen sie aber sehr unterschiedlich. Die Serie setzt auf eine nahe Zukunft mit ausgetrockneter Stadt, gesellschaftlichen Gegensätzen, Bluthandel und politischen Machtspielen. Berlinoir wirkt dagegen wie eine düstere Parallelwelt mit Anklängen an die 1920er- und 1930er-Jahre, in der Vampire Berlin beherrschen und sich Widerstand formiert. Gerade weil Serie und Comic keine Eins-zu-eins-Kopie voneinander sind, funktionieren sie für Daniel gut nebeneinander.
Helge bringt anschließend Spider-Man: Die Graphic Novel Collection mit. Der dicke Panini-Band sammelt vier sehr unterschiedliche Graphic Novels aus den Jahren 1986 bis 1992. Besonders Hooky mit Bernie Wrightsons Monster- und Fantasy-Artwork sowie Spirits of the Earth von Charles Vess bleiben hängen, weil Spider-Man hier weit aus seinem gewohnten New Yorker Umfeld herausgerissen wird. Magie, Monster, schottische Highlands und Geisterstimmung stehen einem deutlich klassischeren Parallel Lives gegenüber. Genau diese Mischung macht für Helge den Reiz des Bandes aus – auch wenn nicht jede Geschichte gleich stark zündet.
Ein etwas anderes Panini-Paket ist das Cyberpunk 2077: Tarot-Set. Eigentlich wollte Helge nur über die Gestaltung der Karten sprechen, doch schnell geht es um Tarot, Aberglauben, selbsterfüllende Prophezeiungen und die Frage, ob man so etwas überhaupt ernst nehmen möchte. Beide sind eher skeptisch, finden das Cyberpunk-Artwork aber ausgesprochen gelungen. Nebenbei geht es zurück zu den Wurzeln von Cyberpunk 2077 als Pen-&-Paper-Rollenspiel, zum Videospiel und kurz zu weiteren Geschichten aus diesem Universum.
Daniels großes Highlight der Folge ist Blood Brothers Mother von Brian Azzarello und Eduardo Risso. Obwohl er den Band zum Zeitpunkt der Aufnahme noch nicht ganz beendet hat, nennt er ihn bereits das beste Buch, das er in diesem Jahr bisher gelesen hat. Besonders Rissos ungewöhnlicher Einsatz von Aquarellfarben begeistert ihn: Statt der schweren schwarzen Flächen, die Daniel mit Rissos Arbeiten verbindet, bestimmen hier Wasserfarben, wechselnde Lichtstimmungen und sichtbare Papierstrukturen den Western. Azzarellos Geschichte beginnt scheinbar vertraut, verschiebt dann aber den Blick auf andere Figuren und entwickelt daraus eine harte, düstere Erzählung. Daniel versucht bewusst, möglichst wenig zu spoilern – Helge soll den Band erst selbst lesen, bevor beide noch einmal ausführlicher darüber sprechen.
Mit Alles auf Anfang von Volker Schmitt und Màriam Ben-Arab geht es anschließend in eine ganz andere Dystopie. Elaia zieht mit ihrer mutierten Ratte Momo durch eine weitgehend zusammengebrochene Welt und sucht nach Technik, Pflanzensamen und allem, was ihrer kleinen Gemeinschaft helfen kann. Wasser und Ressourcen werden knapp, die Sonne macht das Leben außerhalb der Siedlung gefährlich, und eine geheimnisvolle Begegnung bringt Elaias bisheriges Weltbild ins Wanken. Helge gefällt, dass der Comic Umwelt- und Zukunftsthemen mit Abenteuer und Mystery verbindet, ohne nur pädagogischer Zeigefinger zu sein. Gleichzeitig entwickelt sich daraus ein längeres Gespräch über den Kibitz Verlag, dessen Programm und die Arbeit, die hinter solchen Comics steckt.
Zum Schluss geht es noch kurz um die ComicReview-News, die neue Panini-Vorschau und die Freude daran, beim Recherchieren ständig neue Comics und Hintergründe zu entdecken. Außerdem steht eine mögliche Presseakkreditierung für eine Veranstaltung zum neuen Lucky Luke in Berlin im Raum – praktisch, wenn einer der beiden quasi um die Ecke wohnt. Damit endet eine Folge, die zwischen KI, Vampiren, Spider-Man, Cyberpunk, Western und deutscher Science-Fiction ziemlich viel Strecke macht und trotzdem genügend Zeit für die üblichen Abschweifungen lässt.
Viel Spaß mit der neuen Folge!